IDAHOBIT 2023 DRESDEN LILLI ELBE

Lili Elbe wurde am 28. Dezember 1882 in Dänemark geboren.Sie war eine talentierte Künstlerin und verheiratet mit der ebenfallserfolgreichen Malerin Gerda Wegener. Im Jahr 1920 begann Lili Elbe, sich einerReihe von geschlechtsangleichenden Operationen zu unterziehen, um in ihremKörper die Frau zu werden, die sie schon immer war.
Diese Entscheidung war damals unvorstellbar und löste vielUnverständnis und Ablehnung aus. Lili Elbe setzte dennoch ihren Weg fort undunterzog sich insgesamt fünf Operationen, um ihre körperliche Transition zuvollziehen. Es war ein Kampf gegen alle gesellschaftlichen Konventionen undVorurteile, aber Lili Elbe blieb mutig und standhaft.
Ihr Leben wurde später in dem Buch „The Danish Girl“ vonDavid Ebershoff und in dem gleichnamigen Film von Tom Hooper verfilmt. DieGeschichte von Lili Elbe inspirierte viele Menschen und half dabei, das ThemaTransgeschlechtlichkeit und Geschlechtsangleichung in den Fokus derÖffentlichkeit zu rücken.
Damit war Lili Elbe eine Vorreiterin und Pionierin auf ihremGebiet. Sie hat mit ihrem Mut und ihrer Entschlossenheit dazu beigetragen, dassdie LGBTQ+-Gemeinschaft heute mehr Akzeptanz und Sichtbarkeit erfährt. IhrLeben und Werk sind ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Gleichberechtigungund Akzeptanz.
Der heutige Tag will daran erinnern, dass am 17. Mai 1990Homosexualität aus dem Krankheitskatalog der Weltgesundheitsorganisationgestrichen wurde. Dieses offizielle Ende der Pathologisierung vonHomosexualität ist jetzt 33 Jahre her. Eine vergleichsweise kurze Zeit, wennwir uns auf die Geschichte dieser Diskriminierung und Verfolgung vonHomosexualität beziehen. Jedoch eine lange Zeit, wenn wir betrachten, dass seitdieser Änderung trans, inter und nicht-binäre Menschen weiterhin pathologisiertwerden. Dabei ist eigentlich klar: Geschlecht ist vielfältig, auch aufder Ebene der Biologie. Geschlecht wird nicht allein durch Genitalien bestimmt,mehr als 1000 Gene sind bei der geschlechtlichen Entwicklung beteiligt und esgibt eine Vielzahl möglicher Chromosomenkombinationen.
Immerhin wurde das Personenstandsrechts mittlerweile andiese Realität angepasst. Die Einführung des Geschlechtseintrags divers bzw.die Möglichkeit der Streichung des Eintrags war ein Anfang. Doch das Verfahrennach PstG ist auch von einem ärztlichen Attest abhängig, welches einesogenannte „Störung“ diagnostiziert. Dabei wissen wir: Geschlecht ist einpolitisch umkämpftes Feld und viel mehr als eine binäre Zuordnung.
Der vor wenigen Tagen veröffentlichte Referentenentwurf zumSelbstbestimmungsgesetz ist ein Zeichen in die richtige Richtung. Lili Elbewäre froh gewesen, wenn es dieses Gesetz schon damals gegeben hätte.Selbstbestimmung ist aber nicht selbstverständlich. Der jahrzehntelange Kampfgegen das diskriminierende Transsexuellengesetz trägt Früchte. Nach über 43Jahren der Diskriminierung durch das TSG, ein längst überfälliger Schritt.Trans*, inter* und nicht-binäre Menschen müssten mit dem neuen Gesetz keinen übergriffigenBegutachtungsprozess und kein Gerichtsverfahren mehr durchlaufen, um ihrenPersonenstand und Vornamen anpassen zu lassen. Ich habe jedoch auch sehr starkwahrgenommen, dass der Hausrechtsparagraf Ängste in der Gesellschaft auslöst.Im Gesetzesentwurf steht, dass sich am Hausrecht bei privaten Einrichtungen wiezum Beispiel Schwimmbädern oder Saunen sowie am Diskriminierungsschutz imAllgemeinen Gleichbehandlungs-gesetz (AGG) nichts ändern wird. Es wirdweiterhin verboten bleiben, transgeschlechtliche Menschen wegen ihrerTransgeschlechtlichkeit von Einrichtungen auszuschließen.Richtigerweise! Man muss leider intensiv suchen, um diese Klarstellung zufinden.
Deswegen fordern wir: dass trans*, inter* undnicht-binäre Menschen Schutz erfahren anstatt weiteren Diskriminierungen undMisstrauen Vorschub zu leisten!
Vieles ist einfacher und akzeptierender geworden. Vielesbedeutet aber nicht, dass alle Menschen frei und gleich an Rechten sind und inWürde leben können. Queeres Leben in unserer Gesellschaft ist gerade in derjetzigen Zeit wieder bedroht. Als Community haben wir schon viel erreicht undwerden immer sichtbarer. Doch es gibt auch Bewegungen, die uns unsere Erfolgestreitig machen möchten. Queer sein bedeutet auch immer sprechen zu können,sprechen von der wahren Welt in der wir leben. Das bedeutet auch immer das dieMenschen WAHR sprechen können und dürfen. Das sie sich nicht verstecken und fürdie gesellschaftlichen Normen lügen müssen. Dass sie Sich nicht belügen müssenstattdessen, sich zu prüfen, sich zu hinterfragen ob all die Ansprüche, Normen,Codes, Vorstellungen und Erwartungen; eigentlich all das was behauptet wird,mir zugeschrieben ist, ob ich in diese Form, die mir von außen aufgedrückt wirdauch passend für mich ist.
Queer zu sein bedeutet nicht das zu übernehmen was mirzugedacht wird, sondern immer zu fragen, stimmt das was behauptet wurde. Sichzu befragen immer und immer wieder. Die Antwort ist in der Regel immer eineForm von NEIN:
Nein gar nicht, Nein nicht ganz, Nein nicht so, Neinvielleicht, Nein anders oder Nein manchmal. Queer zu sein bedeutet immerein NEIN zu sagen und die Entdeckung des eigenen Ichs beginnt immer mit einemNEIN.
Kann ich mit dem was Unwahr ist leben? Kann ich mich undandere belügen. Queer zu sein bedeutet nicht, unehrlich zu sein zu können,nicht dem Körper gegenüber, nicht den Nachbarn gegenüber, nicht der Familiegegenüber, nicht der demokratischen Gesellschaft gegenüber. Das Suchen nachBegrifflichkeiten, nach Lebensrealitäten, nach der Verwirklichung despersönlichen Lebens ist zutiefst queer. Wenn ich von WAHR sprechen spreche,bedeutet dies auch Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, indemich unWAHRheiten nicht hinnehmen und hinterfragen was eben damit bezweckt wird.
All die Suche nach den Räumen die LSBTTIQ Menschenbenötigen, zu ignorieren werte ich nicht, ich kann nur Wahr sprechen. Dazugehört auch immer das dazu, was andere Heimat nennen. Heimat hat etwas mit„sich sicher fühlen“ gemeint und das ist für alle LSBTTIQ fragil und prikär.Das natürlich nicht nur, wenn wir uns in Polen bewegen, nicht nur in Ungarnoder Rumänien oder im neofaschistischen Italien.
Homo- und Transfeindlichkeit durchdringt und durchziehtnicht nur die Vergangenheit, wie Lili Elbe sie erlebte, die Einschränkungen undInfragestellung, die Unsichtbarmachung, die Gewalt ist hier und jetzt, nichtnur am Rand; nicht nur Irgendwo, sondern mitten in unserer Gesellschaft.
Das wird deutlich wie massiv dieAntimenschenrechtsbewegungen in Deutschland in der Diskussion mit denentsprechenden Ministerien auf Bundesebene Einfluss genommen haben, um ihremenschenrechtsverachteten Positionen in das Selbstbestimmungsgesetz einfließenlassen. Hausrecht, Frauenrechte, Schutzräume, Sport und Verteidigungsfallwerden so mit Beispielen in der Begründung zum Selbstbestimmungsgesetz benannt,das es mir so vorkommt hier schafft man einen Katalog wo man Menschenausgrenzen will, die nicht einer zweigeschlechtlichen Ordnung entsprechendaussehen.
Das wird deutlich wie nachgesetzliche Regelungen schon seitJahren nicht verändert werden. Das Menschen sich jeden kleinen Schritt vorGerichten erkämpfen müssen. Ob das eine Ausgrenzung im Berufsleben ist, oder obdiesen Menschen entsprechende Unterlagen und Dokumente verweigert werden unddamit einen wirtschaftlichen und persönlichen Schaden erleiden. Sie müssenheute noch genauso kämpfen wie damals Lili Elbe. Hier brauchen diese MenschenSolidarität und Unterstützung, dass Sie eben frei an gleichen Rechten und inWürde leben können und dürfen. Dazu haben wir (ein kleines Netzwerk mitverschiedenen Vereinen) ein Unterstützungskonto eingerichtet um Gerichts- undAnwaltskosten für elementare Menschenrechtsprozesse und Grundlagen für einegesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt zu schaffen. Gern wenden Sie sich an uns,wenn sie uns unterstützen wollen.
Zum 33. Jahrestag der Entpathologisierung vonHomosexualität fordern wir deshalb ein Ende der Diskriminierung und Gewaltgegen trans, inter und nicht-binäre Menschen!
Wir fordern das Ende der Pathologisierung vonIntergeschlechtlichkeit sowie Entschädigungen für die menschenrechtsverletzendePraxis an inter* Menschen!
Wir wollen, dass alle Menschen bedingungslos selbstbestimmen können, welcher Name und welches Geschlecht zu ihnen passt.
Wir wollen eine Welt, die nicht nur in einerGeschlechterbinarität funktioniert, sondern Vielfalt wirklich zulässt undwillkommen heißt.
Und nicht zuletzt sollten auch all jener trans* MenschenEntschädigungen erhalten, denen durch das Transsexuellengesetz Gewalt angetanwurde.
Gesetze können ein Anfang sein, um sie mit Leben zu füllenmuss eine breite Sensibilisierung erfolgen.
Doch wir lassen uns davon nicht aufhalten! Wir werden auchin Zukunft zusammenstehen und uns gemeinsam für eine bessere, solidarischereGesellschaft einsetzen.
In Erinnerung an Lili Elbe wird heute diese Straßeumbenannt und sollten uns daran erinnern, dass jeder Mensch das Recht hat,so zu leben, wie er es für richtig hält. Jeder Mensch ist frei und an gleichenRechten geboren und es ist unser aller Aufgabe sich gegen Diskriminierung undAusgrenzung einsetzen und eine Gesellschaft zu schaffen, in der jeder Menschrespektiert und akzeptiert wird, unabhängig von Geschlecht, Sexualität oderHerkunft. Damit alle Menschen unabhängig von Zuschreibungen selbstbestimmt lebenkönnen!
Vielen Dank.
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